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Original-Post auf AO3.
Rating:
P12
Genre: Slash, m/m
Länge: ca. 1.300 Wörter
Handlung: Boerne fällt auf, dass etwas fehlt. Aber was?

Ein frohes neues Jahr euch! :)

[Alltagssorgen ...]

Als er zum dritten Mal in dieser Woche seufzte, weil die Spülmaschine noch nicht ausgeräumt war und Thiel sofort an die Decke ging und begann, die Dinge aufzuzählen, die er erledigt hatte – den Müll nach draußen, die Wäsche, die Pflanzen und außerdem neun Überstunden – da fragte Boerne sich zum ersten Mal, was hier nicht stimmte. Ob etwas fehlte. Als Thiel wenig später, noch während des Tatorts auf dem Sofa einschlief und nicht mehr dazu zu bewegen war, die mangelhafte Darstellung des Rechtsmediziners zu diskutieren, da begann Boerne zu ahnen, was fehlte. Als sie am nächsten Morgen gemeinsam zur Arbeit fuhren und Thiel wie immer das Radio von Deutschlandfunk Kultur auf hr Info schaltete, beschloss Boerne, Thiel kurzerhand zu konfrontieren.
„Sie hätten gestern auch ruhig noch ‚Gute Nacht‘ sagen können, nachdem ich schon Ihre leergefressenen Chipstüten weggeräumt habe.“
„Was?“ Thiel konnte einfach nicht zuhören, wenn irgendwo ein Radio oder Fernseher lief. Boerne schnalzte mit der Zunge,  schaltete die Nachrichten weg und wiederholte seine Bitte.
„Bitte?! Hättensese einfach liegen gelassen. Überhaupt, was geht es Sie an, was auf meinem Couchtisch liegt?“
Weil Thiels Reaktion gar nicht so ausfiel, dass sie zu einer Lösung des Problems gelangt wären, entschied Boerne, dass er wohl doch anders vorgehen musste.
Als die Woche sich dem Ende entgegenneigte, fragte er Thiel, ob sie am Wochenende nicht etwas unternehmen wollten, er kenne da einen See und ein Restaurant und man könne Boot fahren, das mache er doch gern und irgendein bodenständiges Gericht, das Thiels Geschmack träfe, fände sich gewiss auch. Boerne brauchte mehrere Anläufe, um Thiel zu überreden, denn der schob zahlreiche Akten vor, die er am Wochenende durcharbeiten müsse, außerdem brauche sein Vater Hilfe im Garten undsoweiterundsofort … Nur der Hinweis auf den Feiertag am Dienstag, an dem noch genügend Zeit für alte Fallakten wäre, ließ Thiel zu einem Treffen am Samstag – immer noch widerstrebend – einwilligen.
Als sie dann am Samstag Boot gefahren, Bratwurst gegessen und Ziegen im Zoo gestreichelt hatten, als Thiel ihm lachend den Staub vom Mantel rieb, weil ein vorwitziger Ziegenbock ihn etwas geschubst hatte, da fragte Boerne sich, ob jetzt alles stimmte und kam zu dem Schluss, dass es dem, was er sich vorstellte, schon etwas näher kam, aber irgendetwas immer noch fehlte. Dass sie noch nicht bei Null waren. Dass es den richtigen Anfang noch nicht gegeben hatte.

„Bei mir oder bei Ihnen?“, fragte Boerne am nächsten Morgen, als er die Brötchen auf den Frühstückstisch stellte.
„Was bei mir oder bei Ihnen?“, fragte Thiel belustigt zurück.
Dass Thiel aber auch immer so schwer von Begriff war:
„Mein lieber Thiel, heute ist Sonntag. Was werde ich schon fragen? Wo wir heute den Tatort sehen natürlich?“
„Kommen heute wieder die, die sich immer so kabbeln?“
„Eben diese.“, und als Thiel nichts weiter sagte, zog Boerne eine Augenbraue in die Höhe und fragte: „Also?“
„Na, bei Ihnen, oder?“

Insgesamt konzentrierten sie sich recht wenig auf die Handlung des Films.
Thiel sagte, es sei wieder unerträglich: „Die beiden da streiten echt wie ein altes Ehepaar.“
Worauf Boerne nach einer Weile entgegnete: „Wenn Sie es schon erwähnen, Thiel: Alberich hat dasselbe nicht erst einmal über Sie und mich gesagt.“
Thiel verzog seinen Mund zu einem schiefen Grinsen und fragte: „Und was genau hat sie damit gemeint?“
Boerne zögerte kurz und dachte dann, dass jetzt eigentlich so gut ein Zeitpunkt wie jeder andere wäre und sagte: „Vielleicht hatte sie das im Kopf?“ Und damit beugte er sich zu Thiel und küsste ihn auf den Mund. Und Thiel küsste zurück. Zurückhaltend erst, aber dann doch so leidenschaftlich, dass bei Boerne alle Bedenken verschwanden, seine Hände unter Thiels Pullover wandern zu lassen. Er hatte das noch nie gemacht, mit einem Mann schlafen, Thiels Körper berühren, Thiels Hände über seinen Körper wandern zu fühlen, aber es fühlte sich dennoch wunderbar und einfach richtig an. So, als hätte er nie etwas anderes getan.

Wenn Boerne gedachte hatte, dass sie in der Nacht endlich bei Null angekommen waren, dann hatte er sich getäuscht. Null war erst jetzt. Null war, als er bei Thiel wie jeden Morgen um sieben Uhr zwanzig klingelte, um ihn im Auto mit zum Präsidium zu nehmen und als Thiel nicht öffnete. Null war, als er vors Haus ging und er feststellen musste, dass Thiel fort war. Sein Fahrrad stand nicht mehr da. Null war, als er mittags in Thiels Büro ging und dort nur Nadeshda antraf, die ihm mit einem bedauernden Achselzucken sagte, ihr Chef sei schon in die Kantine gegangen. Null war, als Boerne in die Kantine kam und Thiel dort an einem Vierertisch mit drei Kollegen von der Sitte saß und nur kurz „Moinsn“ nuschelte, als Boerne mit seinem Tablett an ihm vorbeilief.
Es blieb eine Woche lang null.
Dann hatte Boerne einen neuen Fall auf dem Tisch und Thiel kam in die Rechtsmedizin geschlurft, hörte sich aufmerksam alles an, was Boerne bereits zu der Leiche wusste und am Ende fragte er, ob Boerne den Bericht am Abend vorbeibringen würde. Irgendetwas in seinem Blick sagte ihm, dass es nicht falsch wäre, wenn er neben dem Bericht eine Flasche Wein mitnähme.
Boerne duschte und zog sich ein frisches Hemd an, bevor er einen kräftigen Rotwein in die eine Hand und den neuen Bericht in die andere Hand nahm und bei seinem Nachbarn klingelte. Thiel öffnete so schnell, als hätte er direkt hinter der Tür gestanden.
Weil Boerne einen Moment brauchte, um seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen, trat Thiel einen Schritt zurück und sagte:
„Nu kommse schon rein. Den Wein wernse wohl nicht auf der Türschwelle trinken wollen.“

„Noch ein Gläschen?“ fragte Boerne zwei Stunden später und ihre Hände berührten sich, als sie gleichzeitig nach der Flasche griffen. Thiel zog seine Hand zwar zurück, aber sein kleiner Finger machte eine kurze Auf-und-Ab-Bewegung. An seinem nackten Handgelenk. Und das Knie, das vorher nur wie zufällig ab und an gegen seines gestoßen war, drückte sich fest an ihn.
„Gerne.“, sagte Thiel mit einer Stimme, die das letzte bisschen Konzentration, das Boerne noch für den Fall übrig gehabt hatte, ausradierte. Seine Hand zitterte leicht, als er Thiel und sich selbst nachschenkte.
„Wie lange hat das Opfer gleich noch gelebt nach dem Schlag auf den Kopf?“, nahm Thiel ihr Gespräch wieder auf. Boerne schloss kurz die Augen. Thiels Hand war jetzt auf seinem Oberschenkel und sein Zeigefinger malte dort kleine Kreise.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete er schließlich.
„Aber Herr Professor.“ Thiel klang neckend, schelmisch. Er hatte sich nach vorn gebeugt, um ihm ins Gesicht schauen zu können, seine blauen Augen blitzten. „Gerade eben wussten Sie das aber noch.“
Es war ganz still – nur von draußen war ein Auto zu hören, das über nassen Asphalt fuhr – bis Thiel endlich die Hand von seinem Bein nahm und sie ihm in den Nacken legte. Es war still – nur eine Tür, die irgendwo im Haus aufgerissen wurde, machte ein dumpfes Geräusch – bis Thiel sich noch weiter nach vorn beugte und ihre Lippen sich trafen. Die Tür irgendwo im Haus fiel ins Schloss und Thiels Zunge berührte seine.
„Thiel …“ Und weil der ihn nicht zu hören schien, legte Boerne ihm seine flache Hand auf die Brust und schob ihn einen Zentimeter von sich. „Ich … also ich …“ Er holte noch einmal Luft, versuchte sich zu sammeln, setzte erneut an, und wieder ab.
Thiels Gesicht verzog sich zu einem Lächeln: „Ich weiß. Ich will das genauso wie du auch.“
Und Boerne wusste, dass Thiel Chipstüten herumliegen lassen konnte, dass er die Spülmaschine nicht ausräumen musste, dass er beim Tatort einschlafen durfte und dass trotzdem nie etwas fehlen würde. Er wusste, dass er hier war, der richtige Anfang.

Störung

Original-Post auf AO3.
Rating:
P6
Genre: Slash, m/m
Länge: ca. 1.400 Wörter
Handlung: Thiels W-Lan funktioniert nicht.
Anm. 1: Ist das nicht eigentlich der Klassiker? Wenn der Fernseher bzw. - moderner - das Internet nicht geht, hat man Zeit für andere Dinge ... ;)
Anm. 2: Das 18. Türchen im Tatort Adventskalender.

Ich wünsche euch noch eine frohe Zeit bis Weihnachten und ein schönes Fest!

[Kein Internet.]

„Ach, verdammt!“

Thiel fluchte. Warum ging der Scheiß nicht? Er hasste es, dieses Sternchen unten rechts auf seinem Bildschirm über den fünf leeren Balken.

Kein Internet.

Er fuhr den Laptop herunter und wieder hoch. Immer noch nichts. Warum ausgerechnet jetzt, als er das Weihnachtsgeschenk für Lukas bestellen wollte? Das war heute die letzte Möglichkeit. Das Paket würde sonst nie und nimmer rechtzeitig in Australien ankommen. Alles Schimpfen half nichts, die Balken blieben leer.

Das hieß wohl, dass er nach nebenan musste, zu Boerne. Na ja, „musste“, war vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Er hatte einen Grund, abends um neun noch bei Boerne zu klingeln. Weil dort der Router stand. War ja Boernes Idee gewesen, sich das Internet zu teilen, dann musste er auch mit einer Störung am Abend leben können. Thiel zahlte schließlich Geld dafür.
Er lauschte dem verhallenden Klingeln in Boernes Wohnung nach, schließlich waren Schritte zu hören.

Boerne erschien, im schwarzen Hemd und mit einem sehr großen Glas in der Hand, in dem sich verhältnismäßig wenig Rotwein befand.

„Ah, Thiel? Was verschafft mir die Ehre?“

„Haben Sie Internet?“

„Nein.“

„Wie? Nein?“ Thiel sah Boerne irritiert an. Das war wieder typisch für seinen Vermieter. Hätte mal bloß er den Vertrag fürs Internet abgeschlossen. „Und haben Sie wenigstens mal versucht, den Router neu zu starten?“

„Selbstverständlich.“

„Und?“

„Nichts.“

„Wie nichts?“

Nichts bedeutet in diesem Falle: Ich habe den Router ausgeschaltet, wieder angeschaltet und es gab noch immer kein W-Lan-Signal. Was sonst hätte ich tun sollen, Thiel? Es ist nach neun Uhr, es wird sich heute sowieso keiner der sogenannten IT-Experten mehr darum kümmern. Aber warum kommen Sie nicht rein? Sie haben doch jetzt sowieso nichts mehr vor.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Boerne sich um und verschwand in der Wohnung. Aus der Küche hörte Thiel ihn rufen: „Und der Wein ist ohnehin offen.“

Das waren eigentlich ausreichend überzeugende Argumente. Thiel schloss die Wohnungstür hinter sich.

Boerne saß auf dem Sofa und goss mit der linken Hand Wein in das frische Glas, das auf dem Couchtisch stand, mit der rechten klopfte er auf den Platz neben sich und bedeutete Thiel, sich endlich zu setzen.

„Dass es erst einen Internetausfall braucht, damit Sie mir mal wieder einen Besuch abstatten, ist schon sehr bezeichnend. Sie sind genauso schlimm wie meine Studenten, die selbst während der Vorlesung die Augen nicht von ihrem Smartphone lassen können. Was machen Sie nur den ganzen Abend im Internet?“ Er reichte ihm das Weinglas. Thiel nahm es und zuckte mit den Achseln.

„Meist arbeiten, Fakten gegenchecken, Ansätze prüfen.“ Das stimmte zu achtzig Prozent tatsächlich. In der übrigen Zeit war er bei St. Pauli. Heute wäre er ausnahmsweise mal auf die Seite des großen Versandhändlers gegangen. Und manchmal googelte er auch Leute, Boerne zum Beispiel, las, was der Professor wieder für Projekte in Angriff nahm oder erfolgreich beendete oder wozu er wieder seine schlaue Meinung geäußert hatte, gab seinen Namen bei der Bildersuche ein …

 „Sorry, Boerne, ich hab grad nicht ganz aufgepasst.“

Boerne sah ihn überrascht an: „Sie geben zu, dass Sie nicht zugehört haben?“

„Ja. Aber es macht Ihnen ja sicher nichts aus, es noch einmal zu wiederholen.“, Thiel verzog seinen Mund zu einem halben Lächeln.

Boerne versuchte, beleidigt zu schauen, aber sie wussten beide, dass es ihm nicht wirklich gelang.

„Ich sagte, dass das Quatsch ist, in Ihrem Fall, zu Hause zu arbeiten. Die Überstunden rechnet Ihnen doch niemals jemand an. In meinem Fall hingegen steht zwar keiner mit der Stechuhr hinter mir, es wird jedoch ein stetes Arbeitspensum von fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche – “

„Jaja, is ja gut.“, Thiel hob abwehrend die Hand. Diesen Sermon kannte er schon fast auswendig, da brauchte er nicht mehr hinzuhören. „Hatten Sie nicht irgendwas gefragt?“

„Äh, ja, in der Tat.“ Boerne schaute etwas verlegen auf seine Fußspitzen. „Aber das muss ich nicht unbedingt wiederholen.“

Thiel nahm einen großen Schluck Wein, dann sagte er:

„Doch.“

Boerne kopierte seine Bewegung, dann sagte er:

„Ich habe gesagt, dass Ihnen Ihr neuer Pullover ausgezeichnet steht und … nun ja, ob es … tja … jemanden … also gibt.“

Thiel wartete kurz, ob da noch etwas kam.

„Ob es jemanden gibt … ?“

„Na, schauen Die sich doch einmal an. Sie haben offensichtlich abgenommen und der verwegene Dreitagebart und da dachte ich, vielleicht gibt es ja jemanden und es liegt gar nicht am Internet, dass ich Sie so selten sehe.“ Boernes Mundwinkel zuckten unsicher.

Thiel musste ein paar Mal kurz auflachen, dann lachte er richtig. Bis ihm schlagartig das Lachen im Hals stecken blieb, weil er merkte, dass Boerne etwas beobachtet hatte, was ihm selbst gar nicht bewusst gewesen war oder zumindest nicht so bewusst, dass er hätte sagen können:

„Doch, Sie haben Recht, es gibt da tatsächlich jemanden.“

Boerne schaute ihn etwas verwirrt an, bis er sich zu einem Lächeln durchrang: „Nun, das ist doch eine erfreuliche Entwicklung in Ihrem Privatleben.“

Thiel zuckte mit den Achseln.

„Na ja … kompliziert.“

Boerne wartete kurz, ob noch etwas kommen würde, dann setzte er erneut an:

„Thiel, muss man Ihnen alles aus der Nase ziehen? Was ist denn an Ihrer Geschichte kompliziert?“

Thiel schwenkte den Wein im Glas, als hätte er Ahnung davon. Boernes Knie war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Wenn er sein Bein nur ein klein wenig nach links kippen ließ, wie zufällig, dann … Thiels Knie berührte Boernes Knie und Boerne zuckte nicht weg.

„Die Person weiß nichts davon, also von meinem Interesse für sie.“

Es war kurz still, dann sagte Boerne leise: „Sind Sie sich da sicher?“

Thiel hörte auf, den Wein im Glas herumzuwirbeln und sah Boerne an: „Nein.“ Er spürte, wie aufgeregt er mit einem Mal war; dieses Gespräch war völlig anders als alle Gespräche mit Boerne zuvor und er hatte das Gefühl, dass es nicht mehr lange ein Gespräch sein würde. „Aber, na ja, ich habe den ersten Schritt gemacht und jetzt warte ich einfach ab.“

Vielleicht war es doch sicherer, wieder ins Weinglas zu schauen. Thiel sah nicht, aber er hörte, wie Boerne sein Weinglas auf dem Tisch vor ihnen abstellte. Dann war Boernes Hand plötzlich in seinem Blickfeld und nahm auch ihm das Glas ab und stellte es neben das erste auf den Tisch: „Ich denke, Sie haben jetzt genug gewartet.“

Und dann waren Boernes Finger in seinem Nacken und jagten ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Boernes Nasenspitze stupste an seine Wange, fragte zögernd an, ob es erlaubt sei … Thiels Lippen fanden Boernes und obwohl es schon so lange her war, dass Thiel jemandem so nahe war, wusste sein Körper sofort, was er tun musste. Er küsste. Erst war es nur ungewohnt; Boernes Bart kitzelte ein wenig. Als er dann aber spürte wie Boernes Zungenspitze sanft und neckend versuchte, seine Lippen zu teilen und ihre Zungen sich trafen, fuhr das aufgeregte Kribbeln von seiner Magengrube in jeden Winkel seines Körpers. Er wollte Boernes Hände auf seiner Haut spüren. Er wollte Boerne unter seinen Fingern fühlen. Er wollte Boerne nah sein.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, zerrte er an Boernes Hemd, bis es endlich aus der Hose rutschte. Dann ließ er seine Hände über Boernes Oberkörper gleiten, fühlte das dichte Haar auf seiner Brust und Boernes Herz. War das normal, dass das so schnell schlug oder war Boerne wirklich so aufgeregt?

Als Thiels Finger Boernes Brustwarzen fanden und sanft Kreise darauf malten, löste Boerne sich mit einem leisen Seufzen von ihm. Er beugte sich ganz nah an sein Ohr, so dicht, dass seine Lippen es berührten, dann flüsterte er: „Ich denke, es ist an der Zeit, dass du endlich mein Schlafzimmer kennenlernst.“ Damit stand er auf und ging durch die Tür neben dem Klavier.
Thiel, atemlos und immer noch überrascht von sich selbst, hatte es jetzt sehr eilig, Boerne zu folgen.

*     *     *

„Magst du dann mal bei der Hotline anrufen und die Störung melden?“, fragte Thiel gegen Boernes Hemdkragen, als sie morgens im Flur standen. Eigentlich hätte Thiel schon vor zehn Minuten auf dem Präsidium sein müssen.

„Ähm … nun ja …“ Wurde Boerne etwa rot im Gesicht? „Also eigentlich reicht es, wenn man hier dieses Knöpfchen drückt.“ Boerne nahm seine Arme von Thiels Taille, ging zum Router, der auf der Kommode neben der Wohnungstür stand und drückte eine Taste. Ein weißes Lämpchen ging an. W-Lan stand daneben.

Der Anfang von etwas

Rating: P6
Genre: Slash, m/m, vielleicht h/c?
Länge: ca. 2.000 Wörter
Handlung: Thiel steckt in Schwierigkeiten.
Anm.: Das fünfte Türchen im Tatort Adventskalender. Ich freu mich sehr, zum ersten Mal dabei zu sein :)
Auch auf AO3.


[Jetzt war er frei.]
Rechtsmediziner Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne stand vor dem Pförtnerhäuschen und nahm seine Papiere entgegen. Jetzt war er frei. Er zog sein Smartphone aus der Manteltasche, überflog die Anrufliste und überlegte kurz, ob er irgendjemanden davon zurückrufen sollte, entschied sich dagegen und schaltete das Telefon ab.

„Frei.“, murmelte er und schüttelte den Kopf, weil die Feststellung so absurd war. Da stand er nun hier … Er wandte sich um und sah an der glatten fensterlosen Betonwand empor, hinauf bis zu den Sicherungen aus Stacheldraht und Elektrozäunen. Zwei Spatzen flogen darüber, hinein in den Innenhof.

„Schöne Feiertage dann, Herr Professor!“, einer der Justizvollzugsbeamten hatte die Hand zum Gruß erhoben. Boerne nickte nur knapp. Weil der automatische Griff nach dem Autoschlüssel ergebnislos blieb, machte er sich auf den Weg. Er lief die kleine Straße hinunter zur Bushaltestelle und versuchte, nicht an das zu denken, was hinter ihm lag und nicht an das zu denken, was vor ihm lag. Alles hat seine Zeit. Jetzt war es an der Zeit, dem Bus hinterherzurennen, zwischen die Türen zu schlüpfen, die sich gerade schließen wollten und sich neben dick gepolsterte Körper zu zwängen. Die Nase zu rümpfen über Fahrgäste, die blinkende Hirschgeweihe auf dem Kopf und Plastikbecher in der Hand trugen. Bei dem Glühweinduft nicht an einen bestimmten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt im letzten Jahr zu denken. Es hatte wieder begonnen, in dicken nassen Flocken zu schneien, als er an der Konradkirche ausstieg. Mit vorgelegtem Oberkörper, in einer Hand einen Pappordner, in der anderen seine Aktentasche, so stemmte er sich gegen das böige Schneetreiben, das schon in der Dunkelheit dieses Dezembermorgens kurz vor Weihnachten eingesetzt hatte. Die kalte Nässe drang überall hinein, kroch seine Hosenbeine hinauf und benetzte seine Brille. Es ließ ihn an eine Gewitternacht im Stroh vom vergangenen Jahr denken und gab ihm die Erinnerung an etwas … Wie unangenehm alles war, wenn das Auto weg war, weil … Boerne fuhr sich mit der Hand über die nasse Stirn. Nein, er würde jetzt noch nicht daran denken. Daran nicht und an nichts anderes. Er würde nach Hause gehen, Kaffee kochen, Klavier spielen. Etwas Schwieriges, das viel Konzentration erforderte.

Er schaffte es bis zu den Briefkästen. Er schaffte es immer nur bis zu den Briefkästen. Schon wenn er den Briefkastenschlüssel aus der Hosentasche fischte, hoffte er unwillkürlich, dass der Brief für Thiel da war. Ein Brief auf grauem Papier, von der Staatsanwaltschaft, ein Brief in dem stand, dass man sich geirrt hatte, dass es nun vorbei war.

Der Brief war nicht gekommen. Der Briefkasten quoll dennoch über. Er war erleichtert, wie mühelos es ihm gelang, die Post durchzusehen, ohne sich zu fragen, woran Thiel gerade dachte und ob er anriefe, wenn er abgeholt werden wollte. Boerne warf die Werbung in die Papiertonne, bevor er die Tür aufschloss.

In der Wohnung war es kalt. Er war froh über den Vorwand, Feuer machen zu müssen. Während er Holz aus dem Keller holte, Feueranzünder und Streichhölzer zusammensuchte, musste er nur auf das achten, was er tat. Große Scheite zuerst in den Eimer, dann die kleineren. Das Licht im Keller löschen. Auf der dritten Stufe achtgeben. Die ist glatt. Nicht nach links zu der anderen Wohnungstür sehen. Dorthin, wo das polizeiliche Siegel klebt. Leise die eigene Tür schließen. Denn die Katze schläft zwischen Mützen und Schals. Feueranzünder und Streichhölzer aus dem Küchenschrank nehmen. Unterwegs eine Handvoll Nüsse essen. Die kalte Asche im Ofen zusammenscharren. Holz stapeln. Anzünden. Die Lüfter aufziehen. Thiel riss immer die Fenster auf, damit es besser anbrenne. Heute war es egal, was Thiel sagte oder was Thiel tat. Eigentlich war es ja nicht egal, aber es sollte egal sein, auch wenn mit einem Mal diese Augen … und das war ganz und gar nicht egal gewesen. Boerne kramte hektisch in den Notenblättern auf dem Schreibtisch. Durchwühlte den Stapel auf dem Fensterbrett und im Regal. Irgendwo musste es doch sein. Chopins Grande Valse brillante. Opus 18. Es-Dur.  Endlich erkannte er die richtigen Blätter. Er strich sie glatt, setzte sich ans Klavier und legte seine Finger behutsam auf die Tasten. Die ersten Takte waren lächerlich einfach. Zu einfach. Schon im sechsten Takt, wo es schwieriger wurde, verspielte sich der Ringfinger. Er begann erneut und erhöhte das Tempo. Wieder war es der Ringfinger! Im elften Takt. Verärgert stand er auf, lief einmal zur Tür und einmal zum Fenster, wackelte mit den Fingern, um sie zu lockern, rückte den Bücherstapel auf dem Fensterbrett zurecht. Ob er Thiel vielleicht ein Buch … ?

Kaffee kochen. Das hatte er doch eigentlich vorgehabt. Boerne lief in die Küche und füllte Wasser in die Kaffeemaschine. Nestelte an der Tüte mit den Espressobohnen herum, bis sie sich endlich öffnen ließ und gab die restlichen Bohnen oben in die Maschine. Nach Weihnachten würde er neue kaufen müssen. Während die Maschine mit lautem Mahlgeräusch die Stille in der Wohnung zerfetzte, löste er den Siebträger, reinigte ihn und nahm dann den kleinen Silberlöffel aus der Schublade, um das frische Pulver in das Sieb, das kleinste, zu löffeln. Nachdem er den Siebträger eingepasst und die Maschine angeschaltet hatte, öffnete er den Küchenschrank. Griff nach der Zuckerdose. Stellte sie wieder zurück. Thiel war ja nicht da. Holte die Milch aus dem Kühlschrank. Blieb mit der Hand am Griff hängen. Er seufzte laut, obwohl niemand da war und ihn hören konnte oder ihn fragen würde, was denn nun schon wieder los sei. Er seufzte noch einmal, nur um zu hören, ob sein Seufzen wirklich so sehr nach Aufmerksamkeit heischte, wie Thiel immer sagte. Schluss jetzt; die Milch aufschäumen, das war jetzt dran.


Mittlerweile hasste Boerne freie Nachmittage. Es gelang ihm dann immer so schwer, nicht an die Dinge zu denken, die nicht gedacht werden sollten. Jedes Mal geriet er an einen Punkt, an dem der freie Nachmittag vorbei war und er sich am Schreibtisch vorfand, wissenschaftliche Aufsätze vorbereitete, Gutachten schrieb, sein Bücherregal ordnete.
An dem aktuellen Fall war er keinen Strich weitergekommen. So sehr er sich auch bemühte, den Finger auf die Ungereimtheiten in den Indizien zu legen, es gelang ihm einfach nicht. Er wusste nicht, wie oft er die Akte schon gelesen hatte, aber es fehlte nicht viel und er konnte sie auswendig. Eine Kopie lag auf seinem Schreibtisch im Institut, eine weitere auf seinem Schreibtisch zu Hause und das Original lag neben dem Bett. Nur dass das alles nichts half. Weil er es einfach nicht schaffte, den entscheidenden Gegenbeweis zu erbringen.

Boerne dachte an die Hoffnung, die er heute in Thiels Augen aufleuchten gesehen hatte, als er gesagt hatte, er würde den Fehler schon noch finden. Er glaube Thiel. Thiel könne nicht der Täter sein. Dieser Blick, erst stumpf und grau, der nichts sah, hinter dem kein Gefühl, kein Leben wohnte, dieser Blick schmolz auf, als Boerne seine Finger austreckte und Thiels Hand berührte. Nie, nie war ihm so etwas passiert. Was genau passiert war, konnte Boerne nicht sagen. Aber seine Fingerspitzen brannten, als er die Finger wegzog und leise sagte, er freue sich darauf, ihn morgen wiederzusehen.

Jetzt ist Schluss! Boerne zuckte zusammen. Hatte er das eben tatsächlich laut gerufen? Vermutlich. Die Katze kam in die Küche gestrichen und ließ sich anklagend vor dem Kühlschrank fallen. Er war dankbar für die Ablenkung. Denn wenn er die Katze fütterte, würde er wohl kaum diesem Unsinn in seinem Kopf weiter nachhängen. Verbrannte Finger und aufgeschmolzene Augen. Also wirklich.

Zehn herrlich leichte Minuten später, stellte Boerne summend die Kaffeetasse neben das Klavier. Er hatte die vier Kerzen auf dem Küchentisch angezündet, die Katze gefüttert, ihr frische Milch gegeben und ausgiebig ihr glattes Fell gestreichelt, ohne einen einzigen Gedanken an Thiel zu verschwenden. Frank. Frank hatte ihn gebeten, ihn beim Vornamen zu nennen. Frank war eigentlich ein viel zu gewöhnlicher Name für jemanden, der solch eine Unordnung in ihm verursachte, der ihn auf Watte gehen ließ und es verhinderte, dass er noch jemals irgendeinen klaren Gedanken fassen würde. Klavier spielen. Boerne fuhr sich gereizt durchs Haar. Dann griff er beherzt in die Tasten und spielte den Grand Valse sicher nicht brillante, aber immerhin, ohne zu stocken. Aus Sorge, er könne sich wieder in Dingen verirren, die ihm Kopfschmerzen bereiteten, nahm er wahllos weitere Notenblätter vom Stapel und spielte. Mit Hingabe. Hier ein pianissimo, dann crescendo. Angenehm, wie die Töne durch den Raum klangen. Losgelöst von den Zwängen der Welt. Es hatte heute einen Moment gegeben, da hatte er begriffen, was … irgendetwas hatte er begriffen, irgendetwas, das er wieder vergessen hatte, aber irgendeine Spur war irgendwo in ihm zurückgeblieben. In den letzten Tagen war er immer wieder in ein Gebäude gegangen, von dem er meinte, er müsse es nie von innen sehen und auch Thiel, gerade Thiel müsse nie erleben …

Er musste sich etwas mehr konzentrieren, ein Fünf-Viertel-Takt war nichts Gewöhnliches. Dann der schwierige Übergang zu den synkopierten Noten, bevor er sich auf einem gemächlichen Drei-Viertel-Takt treiben lassen konnte. Da lebte er nun schon seit zehn Jahren Tür an Tür mit diesem Mann, aber begriffen hatte er nie. Gerade jetzt und erst heute hatte er eine Ahnung davon bekommen, wie es sein konnte. Und er hatte Angst davor. Natürlich, da waren immer noch die dicken Mauern um Frank herum, die Vollzugsbeamten, die strikt alle Sicherheitsvorkehrungen befolgten und das schlechte Essen, aber sein Geist hatte sich über all das erhoben und einem Gefühl Raum gegeben …  Boerne schaute nervös auf seine Uhr. Immerhin war es schon Zeit, sich vor den Fernseher zu setzen, Nachrichten zu sehen und vielleicht den anschließenden Film. Er schaltete den Fernseher an und ging in die Küche, um einen Salat vorzubereiten. Ein Glas Rotwein würde vielleicht auch nicht schaden. Als er zurückkam, merkte er, dass er etwas Entscheidendes verpasst hatte. Auf dem Bildschirm war Thiels Gesicht zu sehen. Jünger, viel jünger. Aber unverkennbar. Diese blauen Augen.
Frank.

…mit diesem letzten Indiz ist der Fall abgeschlossen. Das Wirtschaftswachstum der vergangenen zwölf Monate, vor allem in der Automobilindustrie …

Der Teppich unter seinen Füßen färbte sich rot.

Irgendwann klingelte das Telefon.

„Haben Sie schon gehört?“ Das war die Stimme der Klemm. Boerne war sich nicht sicher, was genau er darauf antworten sollte, doch bevor er etwas erwidern konnte, sprach sie schon weiter. In Boernes Ohren rauschte es. Er versuchte, den Druck auszugleichen, schluckte mehrmals. Jetzt hörte er tief in seinen Ohren nur noch ein hohes Pfeifen. Ob er da gewesen sei, wollte sie wissen. Wo?, wollte er fragen, aber merkte, dass die Frage unangebracht war. Ob Thiel etwas gesagt habe. Ob er, Boerne, vorbeikommen könne. Jetzt.
„Also hören Sie mal ….“, setzte Boerne an und zupfte an einem Faden, der sich aus seinem Jackett löste, „Wieso sollte ich denn …?“ Eigentlich wusste er gar nicht, worum es ging. In seinen Ohren war immer noch dieser Pfeifton, der alles übertönte. Er verstand nur schlecht, was die Klemm sagte.
Es sei unglaublich, das habe sie nicht von Thiel erwartet. Boerne ließ sich Zeit mit der Antwort und als er sich endlich ein paar Worte zurechtgelegt hatte, etwas davon, dass man in keinen hineinschauen könne, sprach sie schon weiter. Was eigentlich mit ihm los sei, so wortkarg kenne sie ihn gar nicht. Ob er krank sei. Boerne nickte und vergaß, dass diese Geste am Telefon nutzlos war. Immerhin könne er sich morgen seinen Wagen abholen. Sie werde veranlassen, dass die Beschlagnahmung aufgelöst würde. Am Mittag sollte alles durch sein. Die Staatsanwältin verabschiedete sich, ohne auf eine weitere Antwort zu warten; sie müsse noch einmal mit Frau Krusenstern telefonieren.

„Wiederhören.“, sagte Boerne, nachdem sie schon aufgelegt hatte.
Boerne legte den Hörer auf den Tisch vor sich und faltete die Hände, aber er war stumm. Er schloss die Augen und spürte wie sich die Stille in seine Ohren presste. Boerne öffnete die Augen.



Es musste schon mehrmals geläutet haben, als Boerne es endlich bemerkte. Seine Glieder fühlten sich an, als ob sie von Ameisen ausgehöhlt würden. Mit Mühe erhob er sich und ging zur Tür, um sie zu öffnen.
Boerne schluckte.
Der Mann vor ihm zog entschuldigend die Schultern nach oben.
„Ich wollte jetzt nicht allein sein.“, sagte er.
*     *     *

Notiz 1: Der Titel Der Anfang von etwas kam mir so in den Sinn für diese Geschichte; dann fiel mir auf, dass es da doch schon etwas gibt. Und tatsächlich … Beim Titel habe ich mich also bei einem meiner Lieblingsautoren, bei Siegfried Lenz bedient. Und weil ich schon einmal dabei war, dachte ich mir, ich erweise ihm die Ehre und zitiere aus derselben Geschichte einen Satz, der mir gut zu passen scheint. Ich hoffe, er ist beim Lesen nicht allzu sehr herausgestochen ;)
Im Original sieht er allerdings wie folgt aus: „Mit vorgelegtem Oberkörper, in einer Hand einen Pappkoffer, in der anderen einen verschnürten Karton, so stemmte er sich gegen das böige Schneetreiben, das schon in der Dunkelheit jenes Silvestermorgens eingesetzt hatte.“ [Lenz, Siegfried (2006): Die Erzählungen. Hamburg. S. 456.]

Notiz 2: Ich gebe zu, das Ende ist sehr offen. Ich weiß allerdings, was ungefähr vorgefallen ist und vielleicht gibt es irgendwann noch einmal eine Geschichte mit etwas konkreterer Handlung dazu.

Alkohol

Original-Post auf AO3
Rating: P6
Genre: Slash, m/m
Handlung: Die Folgen einer Wiskyverkostung bei Boerne.


[Verdammt.]
Verdammt.

Er ist mit einem Schlag wach, aber die Augen zu öffnen, das wagt er noch nicht. Sein Kopf dröhnt und erinnert ihn daran, dass es gestern ein Whisky zu viel geworden ist. Mindestens einer. Gut möglich, dass er nach dem einen, den er noch als zu viel in Erinnerung hat, weitere getrunken hat. Hat ja auch geschmeckt. Sind ja gute Whiskys gewesen. Der beste, der vollmundigste, der samtigste, der torfigste. Nun ja, letzteren hat er nur einmal probiert. Schottischer, Amerikanischer, Bairischer, Preußischer, Irischer. Am Ende war der Bushmill’s sein Favorit geworden.

Verdammter Mist.

Er ist der letzte gewesen. Daran erinnert er sich noch ganz gut. Das war ja auch noch vor dem Glas gewesen, das er als zu viel in Erinnerung hat. Nadeshda, Frau Haller, Frau Klemm; die drei Damen sind gemeinsam gegangen, haben ein Taxi bestellt. Auch der komische schmierige Kauz aus der Rechtsmedizin verschwand irgendwann später. Er blieb. Natürlich. Hatte es ja nicht weit. Hätte ja immer noch jeder Zeit gehen können. Wollte er auch, v.a. als der schmierige Kauz dann endlich weg war. Warum er überhaupt so lange geblieben ist? Weiß er nicht. Besser: Will er nicht wissen. Hat aber etwas mit dem schmierigen Kauz zu tun. Er war ja schon ziemlich überrascht, dass der überhaupt eingeladen worden war. Der ist noch nicht lange in Münster. Junger Mann aus gutem Hause. Etwas humorlos. Immer im Anzug. Mediziner, promoviert. Mit „summa“, was auch immer das sein mag. Sicherlich nichts, was man verheimlichen muss, eher im Gegenteil – zumindest gemessen daran, wie oft er in letzter Zeit dieses „summa“ hat hören müssen.
Warum er dann, als sie allein waren, geblieben ist, weiß er schon. Er hatte plötzlich ein neues Whiskyglas in der Hand.
„Probieren Sie den mal.“, sagte Boerne und lächelte. Verheißungsvoll irgendwie. Aber vielleicht war auch nur die Farbe des Whiskys verheißungsvoll. Das wusste er da schon nicht mehr so genau zu unterscheiden. Jedenfalls war der gut. So gut, dass er vergaß, dass er nach dem schmierigen Kauz hatte gehen wollen. Dass er auf keinen Fall allein bei Boerne bleiben konnte und dass er unter gar keinen Umständen noch mehr trinken durfte. Aber da dies nun einmal der beste Whisky des ganzen Abends war und Boerne fachkundig über Herstellung, Konsistenz und Geschmack zu dozieren begann – nun ja, ehrlichweise war es eher ein fabulieren, denn auch Boerne war nicht mehr nüchtern – da konnte er nicht mehr weg. Da fühlte er sich in das weiche Polster des Sofas gedrückt. So tief, dass er nicht glaubte, jemals wieder daraus aufstehen zu können.

Scheiße.

Er macht jetzt doch die Augen auf.
Und macht sie gleich wieder zu.
War ja klar.

Verdammter Scheißdreck.

*********************

Er kann nicht schlafen. Er hat zu viel des Alkohols genossen und das Resultat ist wie immer eine Insomnia der besonderen Art. Fetzen der Gespräche des vergangenen Abends jagen durch seinen Kopf und er sieht keine Möglichkeit das Karussell anzuhalten. Immer wieder ist da Thiel, nur Thiel. Warum die anderen nicht auf seiner mentalen Repräsentationsebene herumgeistern, weiß er nicht genau, vermutet aber, dass es daran liegt, dass Thiel am längsten da war. Seine Zunge, sein Mund ist trocken, sein Kopf schmerzt. Ein wenig übel ist ihm auch. Unter der Bettdecke ist es ihm zu warm, doch wenn er seine Gliedmaßen nach draußen steckt, wird es schnell zu kalt. Eine leichte Alkoholintoxikation, trotzdem schlimm genug. Er würde gern aufstehen und ein Glas Wasser holen, doch da liegt Thiel neben ihm und er möchte ihn nicht wecken. Er weiß nicht, wie er reagieren wird, kann sich jedoch kaum vorstellen, dass ein verkaterter Thiel am Morgen zu irgendeiner freundlichen Reaktion in der Lage wäre.
Dass nun ausgerechnet Thiel neben ihm liegt, ist schon … nun ja … bemerkenswert, außergewöhnlich. Verwirrend. Da ist eine schlaflose Nacht durchaus gerechtfertigt angesichts der Tatsache dass … Thiel eben … und nicht … Denn eigentlich hatte er, wenn er schon mit einem salienten Ergebnis am vorherigen Abend gerechnet hatte, dann doch mit einem anderen.
Raimund ist seit dem Wintersemester sein Habilitand. In den ersten Wochen fiel Boerne nicht viel auf, außer dass dies ein ausgesprochen intelligenter, fleißiger und vor allem aufmerksamer junger Mann war. Keiner konnte so zuhören wie Raimund, wenn er selbst eine Leiche obduzierte. Er hätte eigentlich kein Diktiergerät mehr gebraucht, denn Raimund merkte sich alles; von vernarbtem Gewebe über Blutzuckerspiegel bis toxikologischem Gutachten. Raimund wusste alle Details und schrieb selbstständig und fehlerlos den anschließenden Bericht.
Und auch fachlich fand Boerne selten jemanden, mit dem er so ausgiebig diskutieren konnte, ohne dabei jeglichen Gegenwind zu bekommen. Nicht so wie mit Thiel. Thiel hatte ja an jeder seiner Äußerungen etwas auszusetzen, verdrehte jedes Detail ins Komische und sparte nicht mit Sarkasmus. Das war oft anstrengend, ermüdend. Thiels Spott über ihn, den „Herrn Professor“, über seine exklusiven Bekanntschaften, über sein breit aufgestelltes Wissen nicht nur in der Medizin … über alles eigentlich. Wenn Thiel nicht frotzelte, dann stimmte etwas grundsätzlich nicht, dann … Boerne erinnerte sich an die Zeit, in der er im Krankenhaus war und Thiel es endlich begriffen hatte, weswegen er da war. Oder als es fast vorbei gewesen war. Damals im Auto dieser verrückten Psychologin. Er würde Thiels Blick nie vergessen.
Raimund jedenfalls, um zum Thema zurückzukehren, war da anders. Eigentlich war es Boerne erst vor ein paar Tagen aufgegangen, dass Raimunds Aufmerksamkeit einem anderen Motiv als wissenschaftlichem Interesse entspringen könnte. Es war Alberichs freier Nachmittag gewesen, aber Boerne wollte unbedingt noch die Autopsie im Fall Anna Reinhardt abschließen, weil er wusste, dass Thiel die Ergebnisse dringend benötigte. Leider hatte er bisher noch nicht einmal die Todesursache mit Sicherheit feststellen können. Also bat er Raimund, ihm zu assistieren. Obwohl dieser gerade damit beschäftigt war, Datenbanken nach Informationen für seine Arbeit durchzusehen, war er sofort bereit, ihm zu helfen.
Gegen sechs Uhr erschien Thiel in der Pathologie.
„Na, Herr Professor, irgendwelche sachdienlichen Erkenntnisse?“
„Mein lieber Herr Thiel, ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass dies ein äußerst komplexer Fall ist. Hören Sie also auf zu drängeln. Wir machen unsere Arbeit gründlich oder gar nicht.“
„Mit anderen Worten: Der Täter war schlauer als Sie.“ Thiel zog spöttisch einem Mundwinkel nach oben.
„Thiel, ich muss zugeben, der Täter – wenn es denn überhaupt einen gab – war nicht ungeschickt, aber ich kann Ihnen versichern, dass wir etwas finden werden. Raimund wird Ihnen bis spätestens Mitternacht den Obduktionsbericht zukommen lassen.“
Wir. … Raimund.“ Thiel zog kaum merklich die Augenbrauen in die Höhe.
„Karl-Friedrich!“, rief es da aus dem Nebenraum. „Schau mal!“
Thiels Augenbrauen waren jetzt deutlich nach oben gerutscht und er sah ihn mit einer Mischung aus Belustigung und – tja … etwas anderem an.
„Nun kommen Sie schon.“, Boerne dirigierte Thiel mit der Hand zu Raimund, der vor einem Mikroskop saß.
„Guten Tag, Herr Thiel. Schön, dass Sie da sind und wir Ihnen unsere Ergebnisse präsentieren können.“
„Ich dachte, es gibt keine.“, grummelte Thiel mit einem kurzen Seitenblick auf Boerne.
„Für unseren Herrn Hauptkommissar gibt es auch noch nichts von Relevanz. Todesursache, Spuren von Fremdeinwirkung. Alles nur Indizien, mit denen du Herrn Thiel leider nicht beeindrucken wirst.“
„Ich hatte auch nicht vor, ihn zu beeindrucken.“, sagte Raimund und zwinkerte Boerne zu.
„Melden Sie sich, wenn Sie etwas haben, Boerne, ich mach Feierabend.“, Thiel sprach’s, drehte sich um und ging.
Boerne blinzelte. Selbst für Thiel war das ein abrupter Abgang. Aber er hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn Raimund zupfte ihn schon ungeduldig am Ärmel, um ihm durch das Mikroskop eine auffällige Veränderung an der tunica mucosa der Toten zu zeigen.
Erst später, als er die Haustür aufschloss und in den Flur zwischen ihrer beider Wohnungen trat, dachte er wieder an Thiels merkwürdiges Gebaren und entschied, dass dem nicht so viel Bedeutung beizumessen war, weil Thiel schließlich öfter grummelig und wortkarg als redselig und wortgewandt war. Und da er dem nun keine Bedeutung beimaß, beschloss er, dass er jetzt auch noch gut bei Thiel klingeln konnte, um ihm sein vorläufiges Ergebnis – na gut, das Ergebnis von ihm und Raimund – mitzuteilen.
Es dauerte, bis sich hinter Thiels Tür etwas rührte, dann öffnete der. Stand da, in einem zu knappen St.-Pauli-T-Shirt und Boxershorts, mit verstrubbelten Haaren und gegen das Licht zusammengekniffenen Augen.
„Mann Boerne. Wissen Sie eigentlich wie spät das ist?!“
„So etwa halb eins.“
„So … und?“, fragte Thiel irgendwann, weil Boerne kurz etwas von den Linien abgelenkt war, die sich unter Thiels T-Shirt abzeichneten.
„Haben Sie schon einmal etwas von Slimming gehört?“
„Gott, Boerne. Wenn Sie hier wieder mit Ihrer unfassbaren  Allgemeinbildung angeben wollen, dann warten Sie bitte bis morgen.“ Und damit drehte er sich um und wollte gehen, aber Boerne stellte geistesgegenwärtig einen Fuß in die sich schließende Öffnung zwischen Tür und Türrahmen.
„Was denn noch?“
„Als Slimming wird eine Methode des Alkoholkonsums bezeichnet. Dabei werden sogenannte Wodka-Tampons mit hochprozentigem Alkohol vollgesaugt und vaginal oder rektal eingeführt. Durch diese Methode soll der Alkohol direkt über die Schleimhäute in den Blutkreislauf gelangen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich hierbei nur um eine urbane Legende, aber dennoch …“
„Boerne.“, unterbrach Thiel ihn, „Ihren Wikipedia-Modus brauch ich jetzt nicht auch nachts noch. Schon gar nicht, wenn es um irgendwelche Abartigkeiten geht. Was hat das mit dem Fall zu tun?“
„Raimund kam darauf und hat mir dann von diesem Slimming erzählt, nachdem er auffällige Veränderungen an der …“
„Ja, danke. Kann’s mir vorstellen.“, unterbrach Thiel ihn erneut. „Boerne, ich würde jetzt wirklich gern wieder ins Bett. Nacht!“
Und dieses Mal war Boerne nicht schnell genug, um seinen Fuß noch rechtzeitig in den Türspalt zu stellen. Er hörte, wie Thiel von innen zwei Mal den Schlüssel im Schloss umdrehte. Perplex starrte er auf die Stelle, wo Thiel eben noch gestanden hatte und nun nur der weiße Lack der Tür zu sehen war. Thiel hatte sich ja noch nicht einmal angehört, was eigentlich der Punkt war. Das konnte Thiel sich nicht vorstellen, denn er wusste nicht, dass sie im Blut des Opfers eine auffällige Konzentration verschiedener Medikamentenwirkstoffe gefunden hatten, ohne sich bisher erklären zu können, wie diese da hingekommen waren. Denn sie hatten weder im Magen Rückstände nachweisen können noch war ihnen an irgendeiner Stelle ein Einstichkanal aufgefallen.
Auch wenn Thiel des Nachts natürlich noch weniger Umgangsformen als bei Tage aufwies, so war er normalerweise immer an der Aufklärung seiner Fälle interessiert – auch nachts.
Zurück in seiner Wohnung unter der warmen Dusche rekapitulierte Boerne den Tag noch einmal und hätte anschließend fast laut gelacht ob zweier Erkenntnisse: Eins. Raimund war kein überaufmerksamer Wissenschaftler – zumindest nicht nur, sondern flirtete mit ihm. Zwei. Thiel hatte das eher gemerkt als er selbst. Zwei Punkt Eins. Thiel mochte Raimund nicht. Zwei Punkt Zwei. Thiel war eifersüchtig.
Als Boerne am nächsten Tag Alberich zu seiner Whiskyverkostung einlud, stand Raimund in Hörweite und so fragte er auch ihn, ob er Lust habe.
„Aber sehr gern, Karl-Friedrich.“, lächelte der verschmitzt. Nun ja, man konnte es ja mal darauf ankommen lassen, dachte Boerne und dachte weiter, dass er nichts zu verlieren hatte. Im Zweifelsfall musste Raimund sich eben eine neue Habilitationsstelle suchen.

**************

Während des Abends war Boerne sich dann nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, Raimund einzuladen. Der verstand sich zwar blendend mit Nadeshda; und auch mit Alberich und der Frau Staatsanwältin hatte er keine Probleme. Das alles hatte aber eben den Preis, dass Thiel kaum einen Ton sagte, dafür jedoch mindestens doppelt so viel Whisky trank wie die anderen. Nicht einmal Wasser goss er sich dazu, obwohl er selbst nicht müde wurde, ihm zu erklären, dass sich der Geschmack der Whiskys in Wasser viel besser entfaltete. Und obwohl Thiel ja so offensichtlich schlechte Laune hatte, ging er auch nicht, als die Damen sich verabschiedeten. Er schien entschlossen, zu bleiben. Bis zum bitteren Ende. Irgendwann gab Raimund auf. Boerne begleitete ihn noch zur Tür.
„Na, dann pass auf, dass dir dein zu kurz geratener Hauptkommissar nicht noch den Teppich ruiniert, nach dem, was der heute so alles geschluckt hat.“, sagte Raimund und es klang etwas schnippisch.
„Was heißt denn ‚zu kurz geraten‘?“, Boerne zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Im Verhältnis zur Breite.“, grinste Raimund. Boerne hätte ihm das Grinsen am liebsten grob aus dem Gesicht gewischt. Doch das ging nicht und so sagte er nur knapp:
„Komm gut nach Hause.“ Also wirklich. Wenn hier jemand Witze über ‚seinen Hauptkommissar‘ machte, dann immer noch er selbst. Und damit schloss er die Wohnungstür und ging zurück zu Thiel. Dessen Laune schien ein, zwei Oktaven in die Höhe geschnellt zu sein. Er hockte nicht mehr auf dem Stuhl neben der Tür, sondern saß entspannt in der Sofaecke, die Fernbedienung für die Stereoanlage in der Hand. Er hatte eine CD eingelegt und drehte nun den Ton auf. Boerne spitzte die Lippen, lächelte ein wenig und griff nach dem Bushmill’s: „Probieren Sie den mal.“ Im Hintergrund sang Tom Waits mit rauchiger Stimme I Hope that I Don’t Fall in Love with You.
Gegen drei Uhr wollte er Thiel in sein Bett bringen, weil Thiel der Meinung war, er würde das allein nicht mehr schaffen. Würde den Schlüssel nicht finden und schon gar nicht das Schlüsselloch. Das verstand er natürlich. Er nahm also seinen Zweitschlüssel für Thiels Wohnung vom Schlüsselbrett und schob sich stützend unter Thiel. Im Hausflur schlug ihnen kalte Luft entgegen. Thiel lehnte sich schwer gegen ihn. Auch er hatte etwas Mühe, das Schlüsselloch zu finden, v.a. weil es ihm nicht gelungen war, vorher den Lichtschalter ausfindig zu machen. Das war natürlich nicht optimal, aber man sparte doch wieder etwas Strom, wenn man im Dunkeln Türen öffnete und so machte er sich auch in Thiels Wohnung nicht die Mühe, Lichtschalter zu suchen. Der orangefarbene Schein der Straßenlaternen reichte aus. Er kannte ja Thiels Wohnung, er wusste, wo das Schlafzimmer liegt und er schaffte es, sie beide, ohne, dass sie sich an Schränken oder Türrahmen stießen, zum Bett zu dirigieren, wo er Thiel ursprünglich nur hatte ablegen wollen. Aber Thiel … Thiel sackte aufs Bett und griff nach seiner Hand. Hielt seine Hand fest. Und als er schon dachte Thiel sei eingeschlafen, da sagte Thiel etwas, vielmehr murmelte er etwas, denn Boerne sah keinen Anlass gegeben, das, was er verstanden hatte, mit den Lauten in Einklang zu bringen, die Thiel vor sich hin brummelte. Erst als er seine Hand aus Thiels ziehen wollte, artikulierte der sich deutlicher. So deutlich, dass es dieses Mal keinen Zweifel an der Lautfolge geben konnte.
„Bleiben Sie doch. Bleiben Sie hier!“

************

Verdammte Scheiße.

Thiel atmet ein paar Mal ein und aus, bevor er wagt, erneut die Augen zu öffnen. Er kennt diesen Haaransatz. Hat schon oft darauf gestarrt, wenn sie gemeinsam im Fahrstuhl standen. Hat sich schon zu oft gefragt, wie es unter dem Hemdkragen weitergeht, wenn Sie gemeinsam zur Arbeit fuhren. Hat sich schon viel zu oft gewünscht, mit den Fingern, durch die dunklen Haare zu streichen, wenn er abends allein im Bett lag. Und jetzt hat er genau das getan und kann sich nicht erinnern?

Wie beschissen, wie wirklich beschissen!

Und wenn er das getan hat, dann hat Boerne sich das gefallen lassen? Warum sonst sollte er jetzt – Thiel öffnet vorsichtshalber noch einmal halb die Augen, um sich zu vergewissern. Die Bettdecke ist Boerne bis auf die Hüfte gerutscht, ein Bein liegt nackt auf der Decke. Boernes Rücken ist sehr hell, feine dunklere Härchen sprießen darauf, verdichten sich ein wenig in Richtung Lendenwirbelsäule. Warum also sonst sollte Boerne nach einer durchzechten Nacht nackt neben ihm liegen? Und er selbst? Trug immerhin noch T-Shirt und Unterhose. Oh Mann. Wie peinlich. Vor allem da er sich an wirklich nichts erinnern konnte. Wenn er die Augen jetzt geschlossen ließ und weiter schlief, dann würde Boerne vielleicht einfach von selbst verschwinden.

*******************************

Und so blieb Boerne. Er öffnete die Schnürsenkel von Thiels Turnschuhen, um sie ihm von den Füßen zu ziehen. Bevor er sich an Thiels Gürtel zu schaffen machte, zögerte er einen Moment. Würde Thiel nicht vielleicht wütend werden? Nein, der war zu betrunken. Und morgen früh? Das wäre schon möglich. Andererseits – es gehörte sich einfach nicht, dass man mit der Tageskleidung ins Bett ging. Da hatte Mamá völlig Recht gehabt. Vorsichtig löste er Thiels Gürtel. Öffnete den Hosenknopf. Wenn er selbst nicht etwas getrunken hätte, fiele ihm das sicherlich deutlich schwerer. Doch so zog er auch den Reißverschluss auf und begann, die Jeans über Thiels Hüfte zu ziehen.
Ein gehauchtes „Boerne“ ließ ihn zusammenfahren. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, lag Thiel ausgestreckt auf dem Rücken, vertrauensvoll. Die Lippen waren leicht geöffnet, die Augen geschlossen. Man konnte sehen, woran Thiel dachte. Boerne fragte sich, warum es so viel Alkohol brauchte, bis Thiel einen Hinweis darauf gab, was er wollte.
Als er die Hose von Thiels Beinen gezogen hatte, legte er die Bettdecke über ihn und begann, sich selbst zu entkleiden. Normalerweise schlief er im Pyjama. Nackt konnte er nur schlecht schlafen, aber heute war da wohl nichts zu machen. Leicht fröstelnd legte er sich zu Thiel unter die Decke und drehte sich auf die Seite, um ihn ansehen zu können.
Boerne lächelte. Wenn Thiel jetzt nicht so betrunken wäre … Aber nein, er wollte das nicht ausnutzen und so drückte er einfach nur die Hand, die sich wieder in seine geschlichen hatte und streichelte sanft mit dem Daumen über Thiels Handrücken. Dann begann er mit dem Versuch, Thiels Schnarchen zu ignorieren.

***************************

Thiel reißt die Augen auf, als plötzlich ein Handy klingelt. Nicht sein eigenes. Das ist Boernes Klingelton.
Richtig.
Boerne.
Boerne kramt schon auf dem Boden herum, wahrscheinlich in seiner Hose, die dort liegt.
„Ah, guten Morgen Raimund!“
Thiel verdreht die Augen.
„Wie? Dein Portemonnaie. Aha. … Ob ich zu Hause bin? Nun ja, sozusagen … . … Wo befindest du dich denn? … Vor meiner Tür. Aha. Und keiner macht auf? … Moment. Ich zieh mir nur schnell etwas über. Ich bin gleich da.“
Boerne will doch jetzt nicht wirklich … Doch, er will und er tut es. Thiel beobachtet wie Boerne seine Hälfte der Bettdecke zur Seite schlägt und aufsteht. Er trägt Unterhosen. Na immerhin. Aber ansonsten. Nichts. Thiel muss schlucken. Boerne sieht verdammt gut aus. Und dann muss Thiel gleich noch einmal schlucken, obwohl nichts mehr da ist, was man schlucken könnte, denn Boerne dreht sich um und sieht ihm direkt in die Augen. Er zwinkert ihm zu. Dann geht er ins Bad, schnappt sich Thiels Bademantel und öffnet die Tür.
Der schmierige Kauz klingt überrascht.
„Karl-Friedrich, ich …“
„Oh, du hast Brötchen mitgebracht, wie nett. Nun dann, komm einmal mit. Dein Portemonnaie wird sicherlich leicht auffindbar sein.“
Thiel weiß nicht, wie er das nennen soll, was sich in seiner Magengegend breit macht. Es brennt und ist unangenehm. Sicher noch der Whisky. Von drüben ist nichts mehr zu hören, Boerne scheint mit Raimund in seiner Wohnung verschwunden zu sein.
Thiel hasst das Gedankenkarussell in seinem Kopf, das sich so oft morgens in seinem Kopf dreht. Und jetzt beginnt es schon wieder. Da hilft nur eines. Aufstehen. Schwerfällig wälzt er sich aus dem Bett und tappt ins Bad. Der Haken, an dem sein Bademantel sonst hängt, ist leer. Der Bademantel ist jetzt bei Raimund. Thiel seufzt und zieht sich das T-Shirt über den Kopf. Keine Flecken. Zumindest das nicht.
Thiel starrt sein Spiegelbild an.
Natürlich keine Flecken.
Weil da nämlich nichts war. Da war gar nichts, an das er sich nicht erinnern kann. Boerne ist nachts einfach zu faul und selbst zu betrunken gewesen, zurück in seine eigene Wohnung zu gehen, nachdem er Thiel in sein Bett gehievt hatte. Denn genau so ist es gewesen. Er erinnert sich jetzt wieder – etwas undeutlich, aber immerhin – dass Boerne im dunklen Hausflur seine Wohnungstür aufgeschlossen hat, während er selbst sich völlig plump an Boerne geschmiegt hat. Wie peinlich. Und er hatte schon gedacht … Nein, Boerne ist nur genauso unverschämt und gedankenlos wie immer. Legt sich zu Thiel ins Bett, nur weil er zu faul ist, in sein eigenes zu gehen. Schnappt sich Thiels Bademantel und öffnet dem Kauz darin die Tür. Und jetzt. Jetzt sitzen die vermutlich gemütlich frühstückend und mit Augenkontakt und … egal! Thiel dreht das Wasser in der Dusche auf. Eiskalt. Das stoppt die Gedanken für den Moment. Ob Boerne seinen Bademantel noch trägt? Ob er ihn trägt, während er und der Kauz das Undenkbare tun? Thiel ist so verdammt schlecht. Und daran ist nur der Whisky schuld.
Er kann dem Tag jetzt noch nicht ins Gesicht sehen. Ob er überhaupt irgendeinem Tag und einer ganz bestimmten Person jemals wieder ins Gesicht sehen kann, ist ohnehin fraglich. Das einzige, was Thiel jetzt dazu einfällt, ist, wieder ins Bett zu gehen. Ihm ist schlecht genug, er ist müde genug. Das sollte ausreichen, um den Zusammenstoß mit dem Tag um mehrere Stunden hinaus zu schieben.

**************************

Raimunds Portemonnaie lässt sich nicht so leicht auffinden. Erst nachdem sie an allen sichtbaren Orten gesucht haben, zieht Raimund es aus einer Sofaritze. Sehr unwahrscheinlich, dass es dorthin ohne Hilfe gerutscht ist. Doch so hat Raimund die Möglichkeit wahrnehmen können, seinen kleinen runden Hintern präsentieren zu können.
„Trägst du häufiger die Sachen von deinem Hauptkommissar?“, fragt Raimund spöttisch.
„Immer öfter.“ Boerne schmunzelt.
Sie sehen sich eine Weile in die Augen, dann senkt Raimund den Blick.
„Tut mir leid. Ich wusste ja nicht … Konnte ja keiner ahnen, dass du auf eher … nun ja, rundliche Typen stehst.“
„Nein, das ahnt auch keiner.“ Noch nicht einmal er selbst hat das geahnt. Überhaupt hat er in dieser Richtung nichts geahnt. Das ist reichlich naiv gewesen, das merkt er nun selbst, aber lässt sich nicht ändern und in gewisser Weise ist er Raimund auch sehr dankbar für den Denkanstoß.
„Ich verstehe. Kein Problem. Von mir erfährt keiner etwas.“

********************************

Hä?
Thiel schlägt die Augen auf und schließt sie vor Überraschung gleich wieder.
Hat er geträumt?
Und wenn er geträumt hat, welchen Teil der Handlung hat er geträumt. Oder: Träumt er? Er fühlt in seinen Körper hinein. Wenn er den rechten Fuß bewegt, raschelt die Bettdecke leicht. Hört sich eigentlich real an. Kann aber natürlich auch nur geträumt sein. Wenn er das linke Bein leicht streckt, dann fühlt er kühle Luft an den Zehenspitzen. Kann auch geträumt sein. Wenn er die Luft durch die Nase einzieht, dann steigt ihm ein bekannter Duft von Duschbad in die Nase. Kann man Gerüche träumen? Vielleicht. Aber ob er das träumen würde: Seine Hand liegt auf dem Kissen neben seinem Kopf. Er kann die etwas raue Baumwolle an seinem Handrücken spüren. Seine Hand hält eine andere Hand fest. Die Hand ist warm. Und sie hält seine Hand.
Langsam öffnet Thiel die Augen und blickt in Boernes braune. Oder grüne. So genau lässt sich das nicht sagen.
„Wo ist Raimund?“ Seine Stimme klingt nicht so fest, wie sie es sollte. Und er könnte sich dafür verfluchen, ausgerechnet nach dem schmierigen Kauz zu fragen.

**********************************

Überflüssige Fragen stellen ist nun eigentlich nichts, das Thiel auszeichnen würde und darum kann es sich nur um eine Verlegenheitsfrage handeln. Boerne lächelt. Er mag es, wenn Thiel so unsicher ist. Überflüssige Antworten geben hingegen ist ganz sein Metier und so sagt er:
„Sowohl Brötchen als auch Habilitand sind irgendwo da draußen in Münster, mein lieber Thiel.“
„Und mein Bademantel?“ Jetzt klingt Thiel schon etwas sicherer, es blitzt in seinen Augen.
Boerne macht eine knappe Kopfbewegung nach hinten: „Auf dem Fußboden.“
„Auf dem Fußboden. So so …“ Thiels Stimme klingt jetzt etwas rauer. Er stützt sich mit seinem linken Unterarm auf, lässt Boernes Hand jedoch nicht los. „Und Ihre Unterhose, Professor Boerne?“
Boerne blickt nach oben in plötzlich sehr große Pupillen. Man kann das sehr gut sehen, weil Thiels Iris so hell und so blau ist. Und irgendwie mag er auch das, Thiel selbstsicher und forsch. Und während er noch denkt, dass ihm diese Situation vor einer Woche niemals eingefallen wäre und er vor zwei Tagen nur ein paar Mal an ein umgekehrtes Szenario gedacht hat, vielleicht sogar davon geträumt hat, da spürt er Thiels Lippen auf seinen und eine Hand über seinen Hals streichen. Und auf einmal ist alles Denken fort; da ist nur noch ein Wollen.


*     *     *


Morgensonne

Original-Post auf AO3.
Rating: P6
Genre: Slash, m/m
Handlung: Von der Sonne geküsst.


[Es war bereits 7 Uhr morgens ...]

Es war bereits 7 Uhr morgens, als der Einsatz endlich beendet war. Die Sonne schien, als hätte es keine Nacht gegeben und Thiel entschied, am Aasee entlang nach Hause zu laufen. Es war ein Sonntag im August und der Park war noch menschenleer. Nur da, wo sich die Wasservögel tagsüber tummelten, saß ein Mann auf der Bank. Offenbar ein erschöpfter Jogger, der sich sonnte. Während Thiel sich der Bank näherte, erkannte er, dass der Mann einen nur allzu bekannten Bart trug. Sein Herz, das seit der Nacht ohnehin noch nicht wirklich zur Ruhe gekommen war, schlug wieder schneller. Thiel blieb vor der Bank stehen, aber Boerne hielt die Augen weiterhin geschlossen. Sein von der Sonne beschienenes Gesicht sah so entspannt und zufrieden aus, dass Thiel nicht anders konnte, als sich zu ihm hinunterzubeugen und sanft seine Lippen auf die Boernes zu legen.

Thiel spürte Boernes Verwirrung, ein leises Erschrecken und wie sich seine Gesichtszüge schon bald zu einem erkennenden Lächeln verzogen.

„Von der Sonne geküsst.“, schmunzelte Boerne, ohne die Augen zu öffnen. Warme Finger legten sich auf Thiels Arm und streichelten die nackte Haut.

Thiel merkte erst jetzt, als er ausatmete, dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Und er erinnerte sich an vorhin, als die Kugeln an seinen Ohren vorbeigezischt waren und wie er verzweifelt dachte, dass er Boerne nie geküsst hatte.


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